Die SEVERUS-LEGENDE

Der Glanz des kaiserlichen Roms verblasste, Grenzvölker bedrohten seine Macht, und überall im Reich waren bereits christliche Gemeinden entstanden, als um 250 der hl. Severus das Licht der Welt erblickte. Es war in Ravenna, jener berühmten Stadt, wo schon in apostolischer Zeit der christliche Glaube gepredigt wurde.

Die Eltern des Severus waren einfache Leute. Sie erzogen ihren Sohn in christlichem Geist und ließen ihn den wenig geachteten Beruf eines Wollwebers erlernen. So waren Kindheit und Jugend durch Armut, Arbeit und Strenge, aber auch von ständiger Furcht vor staatlicher Verfolgung geprägt. Denn noch gab es für die christliche Religion keine Glaubensfreiheit, und blutige Verfolgungen erschütterten die junge Kirche.

Severus war 33 Jahre alt, als der Bischof von Ravenna starb. Von überall her strömten Priester und Bischöfe in die Stadt, um einen würdigen Nachfolger zu finden. Nun hatte es bei der Bischofswahl eine wundersame Besonderheit. Seit jeher erschien der im Gebet versammelten Gemeinschaft eine weiße Taube und ließ sich auf dem Auserwählten nieder.

"Vincentia", sprach Severus zu seiner Frau, "ich will auch hingehen, will die Wundererscheinung sehen und bin neugierig, wer unser neuer Bischof werden wird."

"Sei nicht so einfältig", wehrte Vincentia eher ungehalten ab. "Was willst du dort? Wer legt schon Wert auf dich? Zu Hause bleibt die Arbeit liegen." Und fügte spöttisch hinzu: "Aber geh nur, ganz sicher hat die vornehme Gesellschaft auf einen Wollweber gewartet. Und ohne Zweifel wird man dich sofort zum neuen Bischof machen. Doch meine ich eher, dass man dich mit Ohrfeigen nach Hause schickt!"

Severus ging hin. Verlegen und scheu versteckte er sich halb hinter einer Tür, als er die erhabene Versammlung betrat.

Kaum waren die Gebete zu Ende gesprochen, flog von oben eine schneeweisse Taube herab - und ließ sich auf dem Kopfe des Wollwebers nieder. Verwirrt scheuchte Severus sie von sich weg. Wieder kam sie zu ihm geflogen. Auch ein drittes Mal.
 

Reglose Stille in der weiten Kathedrale. Lähmung, Entrüstung, ja Zorn zunächst, dann Zustimmung, am Ende Freude, als man Gottes Fügung begriffen hatte. Severus wurde einstimmig zum neuen Bischof von Ravenna ausgerufen. Sie legten ihm Gewänder an, erhoben ihn auf den bischöflichen Stuhl, erteilten ihm die notwendigen Weihen und salbten ihn mit dem heiligen Öl. Dann erhob sich Severus, stieg auf die Kanzel und hielt durch Gottes Gnade eine vortreffliche Predigt. Alle in der Kirche staunten über seine gelehrigen Worte, war er doch ohne Schulbildung und ungeübt in Rede und Wissenschaft.

Das hohe, verantwortungsvolle und anstrengende Amt verbot ein weiteres Leben in familiärer Vertrautheit. Severus trennte sich von Gattin und Tochter. Die Frauen nahmen den Schleier und führten zurückgezogen ein gottergebenes Leben. Später wurden sie von der Kirche heilig gesprochen.

Die nächsten zwei Jahrzehnte waren von äusserer Ruhe geprägt. Bischof Severus lebte und wirkte inmitten seiner Gemeinde in unermüdlichem Eifer für die Sache Christi. Die Zahl der Gläubigen wuchs, Kirchen wurden gebaut und caritative Einrichtungen halfen manche Not lindern. Bis eine erneute, blutige Verfolgung unter Kaiser Diokletian über die Christenheit hereinbrach. Severus selbst blieb an Leib und Leben verschont. Musste aber in Kummer und Ohnmacht miterleben, wie in seiner Gemeinde - wie überall im Reich - Menschen für ihren Glauben in den Tod gingen.

Nachdem sich der Sturm der Verfolgung gelegt hatte, und unter Kaiser Konstantin im Jahre 313 Glaubensfreiheit herrschte, erwuchsen neue Gefahren. Diesmal aus den eigenen Reihen. Irrlehren bedrohten die Einheit im Glauben, Macht- und Ämteransprüche den Zusammenhalt der Kirche. Obwohl das Konzil von Nicäa manche Streitigkeit beilegen konnte, war der Zwist in der Christenheit noch nicht beendet. Daher wurde im Jahr 343 eine Synode nach Serdica, dem heutigen Sofia einberufen. Mitglied der westlichen, römisch-päpstlichen Delegation war der Bischof von Ravenna, der hl. Severus.

Als Severus in seine Vaterstadt zurückkehrte, war er bereits hoch betagt, fast 90 Jahre alt. Und noch sollte er neun Jahre lang seine Pflichten als Oberhirte erfüllen dürfen. Vincentia und seine Tochter Innocentia waren schon lange tot. Für beide hatte Severus in der Kathedrale von Ravenna ein Grabmal errichten lassen.

Durch göttliche Offenbarung wusste der Greis die Stunde seines Todes. An diesem Tag nun feierte er noch einmal das Messopfer, richtete an seine Gemeinde ermahnende Abschiedsworte, spendete Segen und Friedensgruß und ließ die Familiengruft öffnen. Lebend, vor den Augen einer bestürzten Gemeinde, die ihn noch zurückhalten wollte, und angetan mit allen Zeichen seines bischöflichen Amtes stieg er ins Grab hinab und verschied. Das war am 1. Februar des Jahres 348.

Auf abenteuerliche Weise gelangte die Reliquien des Heiligen im Mittelalter nach Mainz. Wenige Jahre danach ließ Erzbischof Otgar die Gebeine nach Erfurt in Thüringen überführen. In der Meinung, durch das heilige Vorbild die dort eben erst zum Christentum bekehrten Heiden in ihrem Glaubenseifer zu stärken.

Heute noch werden die Reliquien des hl. Severus, des grossen Bekenners, in der St. Severi - Kirche zu Erfurt aufbewahrt. In der Kirche gilt er als herausragendes Beispiel christlicher Lebensführung.

(Wendel Schäfer)

 

Quellen: - der hl. Severus von Ravenna - von Pfarrer Oppermann Paderborn, 1878

- Handbuch der Kirchengeschichte - Band - Herder -Verlag 1985

Die
Severuslegende ist in einem Fresko auf der nördlichen Seitenwand des Langhauses dargestellt

 

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